Wenn Leistung Leiden schafft oder: Kollateralschäden im Bildungsbereich

Ich lebe gerne in Frankfurt und freue mich, dass die Stadt eine der Plätze in Deutschland ist, wo noch Wachstum zu verzeichnen ist. Nicht nur im beruflichen Umfeld, sondern auch bei den Kindern, immerhin die Grundlage für die Zukunft. Allerdings setzt das voraus, dass die Stadtplanung bei der Entwicklung mithalten kann und einen Rahmen zur Verfügung stellt, der das Wachstum begleitet und fördert. Und genau da hapert es derzeit ganz massiv.

Hintergrund: nach der 4. Klasse ist die Grundschule zu Ende und die Kinder müssen auf eine weiterführende Schule gehen. Dazu müssen die Eltern hier auf einem Zettel ankreuzen, auf welche Schulform das Kind gehen soll und 3 Schulen nennen, die man sich für das Kind wünscht. Dabei sollte man nicht nur danach gehen, welche Schule die nächste ist, sondern gerade bei Gymnasien den Schulschwerpunkt berücksichtigen. Es gibt Gymnasien mit sprachlichen, musikalischen oder naturwissenschaftlichen Schwerpunkten, auf Informationsabenden konnte man sich über die Schulen informieren und sollte sein Kind soweit einschätzen können, was gut zu ihm passt. Was man aber auch wissen muss: in Hessen entscheiden die Eltern, auf welche Schule das Kind gehen soll. Dabei spielt die schulische Eignung keine Rolle. Wenn also Eltern ihr Kind als Gymnasiast einschätzen (wollen), können sie es auf einem Gymnasium anmelden – auch wenn es laut der Noten ein klarer Realschüler ist. Und die Gymnasien können die Kinder auch nicht ablehnen, egal wie gut oder schlecht sie passen.

Dummerweise ist es in Frankfurt dieses Jahr vorgekommen, dass rund 500 Kinder auf keinem der drei Wunschgymnasien angenommen wurden. „Das Boot ist voll“, die Schulen alle belegt. Teilweise gab es Grundschulen, von denen kein einziges Kind auf einer Wunschschule unterkommen konnte. Die Presse schreibt, dass die Grundschulen nun mit den Eltern eine Lösung suchen müssen. Wir selber gehören zu diesen Unwürdigen. Unsere Tochter, Gymnasialempfehlung, wurde von den Schulen 1-3 abgelehnt. Aber nicht nur das: auch die danach durch die Klassenlehrerin angeschriebenen Gymnasien 4 und 5 waren voll. Derzeit hoffen wir darauf, dass Gymnasium Nummer 6 auf unserer Liste unsere Tochter aufnimmt. Ansonsten droht unserer Tochter eine Zwangszuweisung durch die Stadt, die dann z.B. auch eine Integrierte Gesamtschule (IGS) sein kann, da es dort auch Möglichkeiten für das Abitur gibt. Warum haben wir uns dann vorab Gedanken über Bildungsschwerpunkte gemacht? Warum haben wir unsere Zeit auf Informationsveranstaltungen vertrödelt, mit Lehrern über Kursangebote gesprochen?

Es gab Gymnasien mit so vielen Anmeldungen, das gelost wurde. Die Stadt macht es sich einfach und pocht darauf, das es auch Gymnasien oder andere Schulformen in Frankfurt gibt, die noch Leerstände haben. Wobei diese dann vielleicht nicht den gewünschten Schwerpunkt haben oder weit weg liegen. Aber Verlierer gibt es eben immer und für manche Erwachsene spielt es auch keine Rolle, wenn 10jährige Kinder 1 Stunde und mehr mit dem öffentlichen Nahverkehr und mehrfachem Umsteigen quer durch Frankfurt in andere Stadtteile gondeln müssen, nur weil das 10 Minuten von zu Hause entfernte Gymnasium überfüllt ist. Da erklärt man dann, dass keine Prognose so einen plötzlichen Ansturm auf die Gymnasien voraussehen konnte – nee, das geht auch echt nicht. Wenn Schulen Anmeldungen hin- und herfaxen müssen, weil noch nicht alle Schulen mit Scannern ausgestattet sind oder aus anderen Gründen Email nicht möglich ist, dann kann man auch keine verlässlichen Prognosen bezüglich Schülerentwicklungen erwarten.

Und letztlich, wie oben schon erwähnt, ging es ja nicht um Eignung. Wir kennen Kinder, die keine Gymnasialempfehlung haben, die aber an einem Wunschgymnasium angenommen wurden. Davon gab es wohl mehrere hundert Fälle in Frankfurt. Unserer weinenden Tochter hingegen mussten wir erklären, dass nicht sie versagt hat und das das alles nichts mit ihr zu tun hat, sondern dass sie ein „Kollateralschaden“ unseres Bildungssystems ist. Ein Bildungssystem, in dem es nicht um Leistung und nicht um Eignung geht, sondern um Glück und – von dem einen oder anderen Fall hat man auch gehört – um Beziehungen zu den richtigen Personen, die einen Anruf bei anderen richtigen Personen machen können, so dass alles zur Zufriedenheit der Eltern geregelt wird.

Frankfurt, Du bist zwar in manchen Dingen eine Weltstadt. Aber in manchen Dingen kannst Du diesem Anspruch doch nicht genügen. „Leistung soll sich lohnen“, sagte unsere Kanzlerin, jedenfalls solange man nicht potenzieller Gymnasiast in Frankfurt ist.

Weltall – Sonne – Erde

Manchmal reichen Blau und Gelb.

Sonnenaufgang4_klein

Überwachung Total

Fast täglich werden wir mit neuen Meldungen und Details über die Überwachungen der NSA in diesem unseren Lande konfrontiert. Dabei wissen die meisten wahrscheinlich gar nicht, dass das ganze eigentlich keine neue Sache ist – in der Bundesrepublik Deutschland wird schon lange und ausgiebig spioniert. Siehe dazu auch das Interview mit dem Historiker Josef Foschepoth. Neu ist eigentlich nur, in welchem Umfang spioniert wird – und auch da dürfte jeder aktuelle Bericht dem wahren Umfang nur hinterherlaufen.

Man sollte sich bewußt machen, dass Dinge im Hintergrund laufen, die nichts mit Demokratie zu tun haben. Und wer mit der vermeintlichen Sicherheit kommt, die Grundlage für all die Spionage ist: es wurden weder die Anschläge am 11. September 2001 noch die Attentate in London 2005, Boston 2013 oder Paris 2015 verhindert. Da liefen schon viele Spionageaktivitäten, von denen wir heute erst erfahren, genützt hat es nichts. Angeblich wären zwar einzelne Attentate verhindert worden – über die dürfe man aber nichts sagen, um nicht Tippgeber zu gefährden. Nun ja, behaupten kann man viel, wenn niemand es kontrollieren kann. Jedenfalls wurden im Gegenzug immer mehr Freiheiten ab- und Hürden im Reiseverkehr aufgebaut, von Nacktscannern bis hin zur No-Fly List, auf die versehentlich ab und zu Normalbürger draufkommen. Kann nicht passieren? Aber natürlich, jedes System ist fehleranfällig und wer einen Namen hat, der dummerweise ähnlich mit dem eines Verdächtigen ist und vielleicht sogar noch in der gleichen Stadt wohnt… solche Fälle gibt es immer mal wieder. Wer es nicht glaubt: sogar der ehemalige Senator Edward „Ted“ Kennedy stand auf einer der berüchtigten Listen.

Da hilft dann auch der Spruch „wer nichts zu verbergen hat, der braucht auch nichts zu befürchten“ nichts. Wenn es dumm läuft, muss man erstmal seine Unschuld beweisen. Und wer führt sein Leben schon so, dass er immer für alles ein Alibi hätte? Und außerdem hat so gut wie jeder Mensch irgendetwas zu verbergen. Manches gar nicht verboten, aber trotzdem privat und wenn die Öffentlichkeit davon erführe… Und wer sagt denn nicht, dass z.B. die GPS-Daten von Herrn X, die ab und zu ins Freudenhaus führen, nicht irgendwann genutzt werden könnten, um mit Herrn X einen Deal über Geheimnisse seines Arbeitgebers zu machen? Oder wollen sie wirklich, dass ihre Frau einen Tipp bekommt? Und sie glauben wirklich, dass man auf einem gehackten Computer nur Daten runterladen, aber keine Daten hochladen könnte? Also z.B. ein paar Bilder, die sie sofort arbeitslos und für den Rest ihres Lebens sozial geächtet machen würden?

Wer wirklich denkt, dass es das nur bei paranoiden Amerikanern geben könnte, die sogar eigene Bevölkerungsgruppen wegsperren ließen (man weiß ja nie) und dass wir dagegen imun wären: überspringen wir die üblichen Antworten Stasi und Gestapo und machen eine kleine Reise ins Biedermeier. Danach können wir festhalten: „doch, wenn bestimmte Leute überall nur noch Verdächtige sehen, dann kann es das auch bei uns wieder geben“.

Gut, man sollte sich nicht völlig verrückt machen und machen lassen. Aber man darf nicht aus den Augen lassen, wohin die Reise geht und was für Ziele verfolgt werden. Denn irgendwann kann jede noch so gut gemeinte Präventionsmaßnahme auch ins Totalitäre abgleiten. Bis dahin versuchen wir das beste aus der Situation zu machen:

Mustafa, ein alter Araber, lebt seit mehr als 40 Jahren in Chicago. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass er in seinem Garten Kartoffeln pflanzen möchte. Da er alleine ist, alt und schwach, schreibt er seinem Sohn, der in Paris studiert, eine Email:

„Mein lieber Ahmed, ich bin sehr traurig. Ich schaffe es nicht mehr, in meinem Garten Kartoffeln zu pflanzen. Wärst Du hier, könntest Du mir helfen den Garten umzugraben. Dein Vater.“

Wenig später erhält der alte Mann eine Antwort seines Sohnes:

„Lieber Vater, bitte rühre auf keinen Fall irgendetwas im Garten an. Dort habe ich nämlich ‚das Ding‘ versteckt. Dein Sohn Ahmed.“

Keine halbe Stunde später umstellen Spezialeinheiten von FBI und CIA das Haus des alten Mannes.

Sie stellen alles auf den Kopf, graben den ganzen Garten um, suchen jeden Millimeter ab, finden aber nichts.

Enttäuscht ziehen sie wieder ab.

Am nächsten Tag erhält der alte Mann noch eine E-Mail von seinem Sohn:

„Lieber Vater, ich nehme an, dass der Garten jetzt komplett umgegraben ist und dass Du die Kartoffeln pflanzen kannst. Mehr konnte ich nicht für Dich tun. In Liebe, Ahmed“

Frankfurt – das Weltdorf

„Frankfurt verlangt keine hysterischen Bekenntnisse wie zum Beispiel Berlin, keine gesellschaftliche Choreographie wie Hamburg, nicht die anstrengende Leichtigkeit des Seins wie München oder Köln. Es ist eine Ansammlung von Dörfern, die Stadt spielen, mit Begabung und Erfolg, manchmal mit unfreiwilliger Komik.“
Eva Demski, „Frankfurt ist anders“

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Ich bin gebürtiger Bremer, mit 7 Jahren umgezogen nach Delmenhorst, einer 77.000 Einwohner Stadt zwischen Bremen und Oldenburg. Meine ganze Sozialisation spielt sich hauptsächlich in den 1970-80er Jahren in Delmenhorst, Bremen und Lilienthal ab, wo meine Großeltern wohnten, die wir regelmäßig an den Wochenenden besuchten: das Leben eines typisch westdeutschen Kindes aus der Mittelschicht.

Um so erstaunlicher finde ich es noch heute, dass ich 1996, als man mir in der Personalabteilung der Dresdner Bank Niederlassung Bremen nach meiner Banklehre einen Job im IT Bereich in Frankfurt anbot, diesen ohne wirklich viel Grübelei annahm. Aber so ganz einfach, wie man es annehmen könnte, waren die Jahre danach nicht. Vielleicht lag es an den doch recht häufigen Rückfahrten in die alte Heimat, vielleicht lag es daran, dass meine damalige Freundin auch aus Delmenhorst kam (auch wenn sie mitgezogen war) – aus dem Kopf bekam ich eine Rückkehr in den Norden nicht.

DZ BANK

„Sie werden in die Stadt gespült, der Job, die Bank, die Messe oder was auch immer halten sie für eine Weile fest, sie richten sich ein, behalten dabei Heidelberg oder Hongkong fest im Blick. Irgendwann begreifen sie, daß Frankfurt eine proteische Stadt ist, eine Verwandlungskünstlerin, sowohl Hongkong als auch Heidelberg, mit ein bißchen Phantasie. Also bleiben sie da und kurz darauf sind sie Lokalpatrioten, ohne zu wissen, wie ihnen geschah.“
Eva Demski, „Frankfurt ist anders“

Nach einem Ende der Beziehung und der schmerzvollen Erfahrung des Alleinseins für einige Zeit verstärkte sich Anfang der 2000er Jahre der Wunsch nach Rückkehr in die Heimat, nach Familie sogar so stark, dass ich meinen Beruf einfach von heute auf morgen kündigte, um mir etwas in Hamburg (wo meine Schwester mit ihrem Mann damals wohnte) oder Bremen zu suchen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne und sandte mir innerhalb eines kurzen Zeitraums einen Headhunter mit 2 interessanten Jobangeboten in Frankfurt und eine hübsche Stewardeß für das traurige Herz vorbei. Frankfurt hatte es geschafft, ich blieb. Zumindest vorerst. Das Leben fühlte sich wieder besser an. Dennoch blieb immer noch ein gewisser Abstand zur Stadt an sich, es gab immer noch eine Lücke.

Römer in Frankfurt

„Es sind nicht die äußeren Umstände, die das Leben verändern, sondern die inneren Veränderungen, die sich im Leben äußern.“
Wilma Thomalla (Deutsche Publizistin)

Diese füllte sich eigentlich erst 2 Jahre später dank meiner Frau. Die Geschichte unseres Kennenlernens über Jahre und Kontinente hinweg wäre irgendwann mal einen eigenen Beitrag wert (jemand forderte sogar mal mindestens ein Buch, wenn nicht gar eine Verfilmung) und soll jetzt hier nicht erzählt werden. Nur soviel: wir kannten uns im Prinzip schon seit 4 Jahren, jedenfalls auf eine besondere Art und Weise, hatten uns aber nie persönlich getroffen. Das änderte sich Anfang 2002, Ende 2002 zog sie nach Frankfurt, wir heirateten und dank ihrer Offenheit und Interesses an der Stadt öffnete ich mich auch endlich für die Möglichkeiten, die sich hier einem bieten. Daran kann man sehen, wie man sich selber das Leben schwer machen kann. Man muss die Augen öffnen und die Schere aus dem Kopf ziehen, dann läuft alles viel einfacher.

Lupine

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Viele Deutsche, auch jüngere Menschen, kleben an „ihrer Scholle“, wollen keine Veränderung, sperren sich in einem Gedankenkäfig ein. In den Jahren, in denen ich hier nun arbeite, habe ich mich viel mit anderen Kollegen unterhalten und festgestellt, dass zahlreiche Menschen entweder selbst unbeweglich sind (und abends oder am Wochenende wieder in die alte Heimat fahren) oder einen Partner haben, der keine Veränderung aus seiner gewohnten Umgebung heraus haben möchte. Vielleicht ist es auch das, was viele Deutsche an Frankfurt nicht mögen: die Stadt steht in vielen Köpfen nicht für Status quo, nicht für Übersichtlichkeit und Beständigkeit. Dabei gibt es das natürlich und wer offen ist, findet jede Menge Lokalkolorit, der sich allerdings mit einem Internationalismus vermischt, der den meisten anderen Städten fehlt. Anders ausgedrückt: Frankfurt hat 40 Museen. Davon spielen einige national oder auch international eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Andere hingegen sind hauptsächlich für Frankfurt relevant. Es ist also für jeden was da, der will. Aber das wollen, das kann die Stadt niemanden abnehmen.

Kuh vor dem Händlersaal der Commerzbank

Ich denke, Frankfurt kann tatsächlich als Weltdorf bezeichnet werden. Der Stadtkern besteht als Einheit, immerhin ist die Stadt schon 1200 Jahre alt. Aber es gibt um den Kern herum ehemalige Städtchen und Dörfer, die z.T. eingemeindet wurden, aber ihren kleinstädtischen oder dörflichen Charakter beibehalten haben. Das stellt man sich zwar bei einer Stadt mit 700.000 Einwohnern aus 170 verschiedenen Nationen so nicht vor (zu denen sich noch mehr als 250.000 tägliche Pendler gesellen); schon gar nicht, wenn die Stadt einen der größten Flughäfen der Welt hat, der Frankfurter Hauptbahnhof als wichtigste Verkehrsscheibe im deutschen Zugverkehr gilt, das Frankfurter Kreuz der meistbefahrene Straßenknotenpunkt Deutschlands ist und mit dem DE-CIX der größte Internet-Knoten der Welt in Frankfurt steht. Außerdem hat Frankfurt im internationalen Weltstadt-Ranking als einzige deutsche Stadt die Einstufung „Alpha“ (zum Vergleich: Städte wie Paris, Tokyo oder Peking haben „Alpha+“, nur New York und London haben „Alpha++“; Berlin hat ein „Beta+“). Dennoch kann man die Frankfurter Innenstadt zu Fuß durchqueren, hat mit dem Frankfurter Grüngürtel (der etwa 1/3 des Stadtgebiets einnimmt) eine großes Landschaftsschutzgebiet vor Ort, den Taunus zum Wandern in der Nähe und wer gerne gute Weine mag, der hat es nicht weit nach Rheinhessen oder den Rheingau. Und wer wirklich mal raus muss: 5x täglich kann man direkt von Frankfurt aus in 3,5 Stunden mit dem Zug nach Paris fahren, sich in den Flieger nach London, New York oder Tokyo setzen – oder einfach in eine Gaststätte setzen und einen Schoppen heben.

Kurzum: ich mag Frankfurt, hier ist meine eigene Familie (Frau und Kinder), hier sind Freunde & Bekannte, hier bin ich. Mag der Rest der Verwandschaft auch in Deutschland verstreut sein, ich freue mich immer, wenn ich nach einem Besuch wieder das Stadtschild von Frankfurt sehe: endlich wieder „zu Hause“.